Polizisten, „die mit der Dorfjugend baden gehen“

Ein Sauerländer erklärt Sauerländern die Region. Mit einer Mischung aus Lesung und Plauderei bescherte Ulrich Raulff den Besuchern des KUK-Forums einen unterhaltsamen Abend.

„Sauerland als Lebensform“ war das Thema des KUK-Abends am Donnerstag, 19. Mai, in der Stadthalle Meinerzhagen. Der Historiker Ulrich Raulff, der schon vor seinem Essay „schreibend im Sauerland unterwegs“ war, führte eingangs gleich den biografischen Nachweis, einer von hier zu sein. Aufgewachsen zwischen Drögenpütt und Fürwigge-Talsperre, hatte er seine  Kindheit und Schulzeit hier verbracht. 20 „prägende Jahre“. Seine Mutter war „eine Indigene“. Sie kam von der Fürwigge, der Vater hatte Migrationshintergrund (aus Unna stammend) und Großmutter kam aus Kierspe-Dorf, daher, wo der Kiersper Adel herkam, nicht etwa aus Kierspe Bahnhof.

Raulff siedelte seinen Vortag zwischen Heimatkunde und Heimatroman an. Kleine Begebenheiten, die das Publikum, überwiegend Ü-65, nachvollziehen konnte, ordnete er in einen größeren Zusammenhang ein. Waren früher „Bier, Korn und Wacholder“ die Elemente des Sauerlandes, wurden es später „Wetter, Wasser und Wald“.

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Sprachgewandt mit Witz, zum Teil feiner Ironie, skizzierte er die Lebensform Sauerland. Dazu gehört auch, dass in den überwiegend für Trinkwasser genutzten Talsperren das Baden verboten war. Wenn die Dorfjugend dennoch Abkühlung im frischen Wasser suchte und abends ein Einsatzwagen um die Ecke kam, war das kein Grund zur Flucht. Die Polizisten „hatten  die Badehose unter der Uniform“ – und schwammen mit, schilderte Raulff – unaufgeregt, ruhig, wie es dem regionalen Charakter angeblich entspricht, immer aber amüsant.

Gleichzeitig führt er aus, welche technische Leistung, welch ein  Esprit sich hinter den Staumauern verbirgt. Für Raulff „Kathedralen einer hydraulischen Kultur“, Ausdruck der Baukunst des 19. Jahrhunderts, für die das Sauerland hier wegweisend war.

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Den Sauerländern bescheinigt er: „Im Großen und Ganzen haben sie ein ausgeprägtes Gespür, eine Witterung für Dinge und Ereignisse, die noch unter dem Horizont liegen“. Ein zweites Gesicht! Diese Gabe präge ihre Lebensform, verbinde sich mit ihrem natürlichen Realismus. Darin sieht er den Erfolg der Sauerländer, die sich, einst landesweit belächelt, inzwischen ein beachtliches Standing erarbeitet haben und die zudem deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen haben. Eigenschaften, die man polyglotten Erfolgsmenschen zuschreibt.

Dass das Volmetal dennoch auch – noch –  Provinz ist, zeigte sich bei der anschließenden Plauderei. Da wurden Erinnerungen an gemeinsame Bekannte ausgetauscht. Und wer sein Buch signiert haben wollte, brauchte Geduld. In der Reihe sahen manche ihre private Petitessen als dringlicher an, als den Wunsch der anderen, ihre Signatur zu bekommen. Ulrich Raulff versuchte, allen gerecht zu werden – eben auch ein geduldiger Sauerländer.

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